Studieren an der Goethe-Universität als Zeitzeugenprojekt (Studiengruppe)

AKTUELL: Die ersten Videointerviews mit ehemaligen Studierenden der GU

Bild Notker Hammerstein
Notker Hammerstein
Bild Fred Heppenheimer
Fred Heppenheimer
Petra Lueken
Petra Lueken
Werner Neumann
Werner Neumann

Thema

Die Universität ist ein Ort der Studierenden. Viele Generationen haben in den vergangenen einhundert Jahren unter sehr verschiedenen Bedingungen an der Goethe-Universität studiert. Dennoch wissen wir meist nicht viel über sie. Ihr Studienalltag, ihr Leben außerhalb der Universität, die Hoffnungen und Erwartungen, die mit einem Studium verbunden waren – all das kommt in den Akten der Archive kaum vor und ist damit für Historiker nur schwer zugänglich.

Gemeinsam mit Studierenden haben wir das Konzept für eine Befragung von ehemaligen Studierenden als Zeitzeugen entwickelt und seit dem Wintersemester 2013/14 durchgeführt. Studierende der Geschichtswissenschaften haben Frankfurter Studierende früherer Jahrzehnte gesucht und zu ihrer Studienzeit befragt. Erfahrungen im Hörsaal und außerhalb kamen dabei zur Sprache, die verschiedenen Wege in die Universität, der damalige Alltag, fachliches und politisches Engagement. Deutlich wurde natürlich auch der Wandel der Zeit. In den frühen 1950er Jahren waren Studienalltag und Studienerfahrung ganz anders als in den bewegten Jahren um 1968 oder in den 1970er und 1980er Jahren. Der Umzug ins Westend und das Engagement gegen Studiengebühren um 2000 bedeuteten eine nochmal andere Zeit. Die Interviews geben einen Einblick in diesen Wandel.

Plakat mit Infos zur Studiengruppe
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Logobild Studiengruppe

Informationen zur Veranstaltung

Die seit 2012 bestehende Studiengruppe wird von PD Dr. Barbara Wolbring und Dr. des. Peter Gorzolla geleitet.

Studiengruppe vor dem mobilen Aufnahmestudio des Gedächtnis der Nation

Lehrkonzept

Dr. des. Peter Gorzolla, PD Dr. Barbara Wolbring

Die Zusammenarbeit zwischen Lehrenden und Studierenden basiert auf Konzepten des forschenden Lernens. Das gesamte Projekt wurde von Beginn an gemeinsam mit Studierenden erarbeitet und durchgeführt. Dabei haben die Studierenden von Beginn an Gelegenheit, das Projekt inhaltlich, methodisch und formal mitzugestalten und an einem Forschungsvorhaben in seinen verschiedenen Phasen aktiv und selbstbestimmt teilzunehmen.

Fragestellung und Fragerichtung wurden im Wintersemester 2012/13 und im Sommersemester 2013 in einem mehrstufigen Prozess gemeinsam mit Studierenden entwickelt. In mehreren aufeinander aufbauenden Veranstaltungen wurde mit einem Open Space das Zeitzeugenprojekt zu studentischem Leben und Alltag herausgearbeitet. Im Sommersemester 2013 haben die Studierenden mit dem selbstverfassten Zeitzeugenaufruf die Suche nach geeigneten Interviewpartner*innen begonnen. Auch wurden Kontakt zu dem ZDF-Projekt „Gedächtnis der Nation e.V.“ hergestellt, dessen Geschäftsführer, Jörg von Bilavsky, der Studiengruppe erste Hinweise geben konnte.

Die Studiengruppe im Schnittraum des ZDF

In einem Hauptseminar im Wintersemester 2013/14 haben die Studierenden die theoretischen und methodischen Grundlagen von Gedächtnisgeschichte und Oral History anhand zentraler Texte kennengelernt und diskutiert. Sie haben Arbeitsgruppen zu den verschiedenen Zeitabschnitten der Studentengeschichte Frankfurts gebildet und sich das historische Kontextwissen selbständig erarbeitet und in der Seminargruppe diskutiert. Auf dieser Grundlagehaben sie die Interviews inhaltlich vorbereitet. Probeinterviews im Seminar gaben die Gelegenheit, die Interviewsituation durchzuspielen und mögliche Schwierigkeiten zu antizipieren. In dem Hauptseminar haben alle Studierenden ein Interview mit einer/m selbstgewählten Interviewpartner*in selbständig durchgeführt. Alle haben weiterhin in einem Forschungsexposé Leitfragen für die Analyse ihres jeweiligen Interviews erarbeitet. Die Hausarbeiten haben diese Analyse dann ausgeführt. Hier war Gelegenheit, den Quellenwert mündlicher selbsterhobener Quellen zu diskutieren und das Interview inhaltlich auszuwerten.


Im Sommersemester 2014 wird das Projekt zunächst mit einer Übung weitergeführt. Der Schwerpunkt liegt derzeit auf der redaktionellen Bearbeitung und öffentlichen Präsentation der Interviews. Hierfür müssen die inhaltlich aussagekräftigsten Passagen des Interviews identifiziert werden. Das Interviewmaterial wird für die öffentliche Präsentation technisch und inhaltlich aufbereitet. Die Studierenden haben sich hierfür Impulse geben lassen in der Redaktion von „Gedächtnis der Nation“. Die Studierenden machen sich mit den Schnittprogrammen vertraut, sie identifizieren in den Interviews die für eine Veröffentlichung geeigneten Passagen und verfassen Texte, die das Videomaterial begleiten. Die gesammelten Ergebnisse werden dann auf dem Online-Portal von USE (Universität Studieren. Studieren Erforschen) sowie beim Studienkongress UNIversal am 15. Juli 2014 erstmalig der Öffentlichkeit präsentiert.

Die Studiengruppe auf Exkursion beim ZDF
Die Studiengruppe im Schnittraum des ZDF

 

Trotz der Ausrichtung des Projekts am Universitätsjubiläum ist die Arbeit der Studiengruppe mit den Feierlichkeiten im Sommer noch nicht beendet. Schon die ersten Analysen der vorliegenden Video-Interviews haben zahlreiche Erkenntnisse und Verbesserungsvorschläge für die Vorbereitung und Durchführung weiterer Interviews zu Tage gefördert. Für das Wintersemester 2014/15 ist daher der Ausbau des Online-Portals geplant, wobei die aus den bisherigen Erfahrungen entwickelte „Professionalisierung“ der Studierenden zum Zuge kommen soll.

Leitfragen der Interviews

Im Fokus der Interviews sollen der Studienalltag, das Selbstverständnis als Studierender und individuelle Aspekte

  • Was waren die Gründe für die Aufnahme des Studiums (und ggf. in Frankfurt)?
  • Wie wurde der Studienbeginn erlebt?
  • Bildungsorientierung vs. Berufsorientierung
  • Welche Sorgen hatten die Studierenden?
  • Worüber wurde (in der Freizeit/im Café) gesprochen?
  • Wovon wurde geträumt?Wie gestaltete sich das Ende (nicht notwendigerweise der Abschluss) des Studiums? Wer ging, wer blieb in Frankfurt und warum? Was wurde „mitgenommen“?

Thematische Schwerpunkte könnten – jeweils in Abhängigkeit vom Interviewten – sein:

Selbstbilder der Studierenden

  • Verhältnis zu Lehrenden (bes. in der Nachkriegszeit)
  • „geistiges Bild“ der Studierenden
  • Bildungsexpansion, Verdoppelung der Studierendenzahlen

 

Öffnung der Universitäten / Öffnung der Universitäten für Frauen

  • Rückkehrer-Problematik und Emanzipation (bes. in der Nachkriegszeit)
  • „Bildungsexpansion“ – auch für Frauen?
  • freie Studienortwahl nach der Wiedervereinigung

 

Politisierung der Studierenden

  • Gibt es zw. 1945-55 politische Aktivitäten und politisches Interesse? 
  • Wie sieht der politische Diskurs aus? 
  • Aufarbeitung des NS – wann wird das zum Thema? 
  • Frage der Beteiligung/Nichtbeteiligung an den Studentenprotesten
  • Streik von 1997/98: Frage d. Beteiligung/Nichtbeteiligung - Waren die Studienbedingungen Motivation für die Beteiligung?

 

Identität der Studierenden innerhalb und außerhalb der Universität in Verbindung mit der Uni als gesellschaftlicher Ort in der BRD

  • hochschulpolitische Partizipation und ideologische Hintergründe
  • „Jugend“-Kultur und  „Student-sein“ als Lebensgefühl 
  • west-, ost- und gesamtdeutsche Identität (1990er Jahre)

 

Fächerunterschiede

  • Welches Fächerspektrum gab es während des Untersuchungszeitraums? 
  • Wie nah standen die Fächer/Studierenden einander?

 

Verhältnis Studierende zur Stadt Frankfurt

  • Woher kamen die Studierenden der Goethe-Universität? (hauptsächlich aus Frankfurt? Warum?)
  • Identifikation als Frankfurter Studenten? 
  • Warum fiel die Wahl auf Frankfurt als Studienort?

 

Diversity

  • Kriegsversehrte, Displaced Persons (während der Nachkriegszeit)
  • Wie international war die Studierendenschaft? 
  • „Bildungsexpansion“ – auch für alle sozialen Gruppen, Milieus etc.?

 

Studienaspekte

  • Studieren unter extremen Bedingungen: Lebensbedingungen/Not
  • gesellschaftliche Risse (während der Nachkriegszeit)
  • Zukunft nach der (letzten?) Hochkonjunktur – Generation der Kürzungen, des Niedergangs, der ewigen Rezession? (1990er Jahre)

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© Barbara Wolbring, Markus Häfner, Peter Gorzolla, Sophie Opitz